„Vor 80 Jahren …“ – so beginnen in diesem November vielerorts Worte des Erinnerns und Gedenkens an die so genannte „Kristallnacht“ 1938. Systematische Ausgrenzungen damals, Aggression und Gewalt beschämen und erschüttern uns bis heute, und ebenso damals weckten die brennenden Synagogen und zerstörten jüdischen Geschäfte große Ängste und Befürchtungen, hier im Land und in der Welt.

Das „Kirchenfenster“ widmet sich dem Thema „Grenzen“. Der 9. November ist solch ein „Grenz“-Tag. In Deutschland steht er als mehrfacher Gedenktag für Umbruch und Revolution (1918), für Freude über politische Veränderungen (1989), aber auch für Leid (1938). Das Gedenken an 1938 mahnt uns Nachlebende,
die Erinnerungen an das damalige Grauen wach zu halten, an menschenverachtenden Zynismus, Aus-Grenzung und Intoleranz, an die massenhaften Deportationen (u. a. aus dem Jüdischen Altersheim in der Großen Hamburger Straße), an die Ermordung von Juden und Menschen mit „anderer“ Lebensweise sowie die von politisch Andersdenkenden und -gläubigen. Und: es mahnt uns angesichts des heute erschreckend wieder zunehmenden Antisemitismus und Rassismus zu mehr Achtsamkeit und Sensibilität. Die Leugnung des Holocaust und fehlendes Schuldgefühl gegenüber den deutschen Verbrechen vor allem im 20. Jahrhundert sind eine gefährliche Verharmlosung der Geschichte aus abgrenzend-nationalistischer Sicht. Diesem Denken fühlen wir uns gerade in Sophien verpflichtet, besonders nachdem Pfarrer Johannes Hildebrandt 1975 die AG „Judentum und Christentum“ gründete und zum 40. Jahrestag der „Pogromnacht“ am 9. November 1978 das Gedenken in der Sophienkirche, am Mahnmal in unserer Straße und an der Synagoge initiierte.
Wir fühlen uns verpflichtet und erinnert an das 1714 von der Sophiengemeinde gegebene Versprechen für „guten Willen
und nachbarliche Freundschaft“ mit der uns benachbarten Jüdischen Gemeinde (Vertrag vom 25.5.1714 über die Schenkung
eines Teils des Friedhofsgrundstücks an Sophien). Bezeichnenderweise nannte der Volksmund die Große Hamburger Straße
„Toleranzstraße“, weil hier Menschen dreier Konfessionen (katholisch, jüdisch, evangelisch) friedlich und tolerant miteinander lebten.
In „Evangelisch getauft – als Juden verfolgt“ von 2008 (hrsg. vom Arbeitskreis Christen jüdischer Herkunft im Nationalsozialismus, EKBO) und in der Festschrift „300 Jahre Sophienkirche in Berlin“ von 2013 versuch(t)en wir uns der Schuld und Mitverantwortung der Sophiengemeinde an den schrecklichen Ereignissen in der NS-Zeit zu nähern. Es ist gut, dass dazu auch das Engagement unserer Jugendlichen beim jährlichen Pogromgedenken am 9. November gehört. Auch das Miteinander zum benachbarten Jüdischen Gymnasium – der früheren Jüdischen Knabenschule, geprägt durch Moses Mendelssohns Geist der Aufklärung und Toleranz – ist ein Beispiel für den 1714 versprochenen und heute erneut gelebten „guten Willen und nachbarliche Freundschaft“.
Seien Sie herzlich eingeladen zum Gedenken am 9. November in der Sophienkirche, um 19.30 Uhr!